DAYDRIFTERS. ANJA KORHERR
Werke
DAYDRIFTERS. ANJA KORHERR
Text von Günther Holler-Schuster
Die neue Ausstellung der Galerie Schnitzler und Lindsberger lädt ab 14. Oktober dazu ein, in die komplexen visuellen Strukturen der Malerin Anja Korherr einzutauchen, die einen ambivalenten Kosmos zwischen Fiktion und Realität öffnen.
Neueste Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von Anja Korherr, allesamt im Jahr 2026 entstanden, werden in diesem Herbst in zwei Ausstellungen präsentiert: Daydrifters in der Galerie Schnitzler und Lindsberger sowie Nightshifters im studio der Neuen Galerie Graz widerspiegeln die Vielfalt der Bildschöpfung durch geschickte Medien- und Formatwechsel.
Auf den ersten Blick erzeugt die Malerin und Comickünstlerin surreal wirkende Ideen von Raum und Geschehnissen im Raum – basierend auf fotografischen Inszenierungen, die sowohl Ort als auch Handlung in eine rätselhafte Existenz verwandeln. Diese Phantasmagorien nomadisieren als Erinnerungs- oder Traumbilder durch verschiedene Medien (Performance, Foto, Malerei, Zeichnung). Die fragmentierten und mehrfach überlagerten räumlichen Strukturen erschweren die Einordnung des Bildgeschehens erheblich. Fiktion und Realität heben sich plötzlich gegenseitig auf.
Die Protagonist*innen gehen fast stoisch ihrer Bestimmung nach. Ihr Habitat ist das einer zukünftig anmutenden Welt. Die Gerätschaften, mit denen sie hantieren, sind uns zwar teilweise bekannt, jedoch scheint ihre Bestimmung bzw. Funktion eine andere als die gewohnte zu sein. Sie existieren selbstverständlich in ihrer Raum-Zeit-Kapsel.
Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky formulierte 1940, dass wir die Zukunft aus den Fragmenten der Vergangenheit erfinden bzw. zusammenbauen – somit schafft die Erinnerung gleichsam die Zukunft. Anja Korherr bleibt in ihrer unmittelbaren Zeitsphäre, ihre Protagonist*innen weisen Attribute der Gegenwart auf. Doch ihre kubistisch, futuristisch anmutenden Bilder lassen Vergangenes erinnern, die Szenerie birgt Unbekanntes, mitunter Verstörendes, eventuell Zukünftiges in sich. Dystopisch wirkt das nicht, obwohl wir angesichts der gegenwärtigen globalen Situation darauf kommen könnten. Anja Korherrs Menschen wirken vielmehr abgeklärt, sie haben ihre Bestimmung scheinbar gefunden. Wenn man die Zukunft aus den Fragmenten der Vergangenheit baut, wie dann die Gegenwart?
Die Künstlerin beschäftigt sich intensiv mit „Luziden Träumen“, in denen sich die Träumenden bewusst sind, dass sie träumen. René Magritte zufolge sehen wir die Welt „als ein Außen, obwohl wir die Vorstellung von ihr in uns tragen“. Innere Bilder sind die unserer Vorstellung, Erinnerung und Träume, während die äußeren Bilder die der uns umgebenden sichtbaren Welt sind. Das Zusammenwirken geschieht unwillkürlich und wenn sich die gesehenen in erinnerte Bilder verwandeln, finden sie einen neuen Ort in unserem subjektiven Bildspeicher. Innere Bilder müssen also nicht nur individueller Art sein, sie vermischen sich mit kollektiven Bildvorstellungen.
Anja Korherr findet in ihren Träumen die Methode für ihre Bildstruktur. In diesen visuellen Hybriden tritt das Gewesene mit dem Jetzt zu einer Konstellation zusammen. Die formale Kraft beziehen diese Bilder u. a. aus der Verdichtung der Bildebenen, aus der Erzeugung von neuen Räumen bzw. einer völlig neuen Lichtsituation. Sie sind nicht einfach enigmatische Narrationen, sondern auch eminente Malerei. Man kann Pinselschlieren sehen, die einen Selbstzweck erfüllen und gleichzeitig immanenter Bestandteil der Darstellung sind. Auch die Protagonist*innen sind nicht nur mit erkennbaren Objekten zugange. Sie sind oft auch mit einfachen geometrischen Körpern oder einem indifferenten, abstrakten Farbkäuel beschäftigt. Diesen Farbakzent könnte man unterschiedlich interpretieren – er ist auch gegenständlich lesbar. Die malerische Delikatesse dieser Bilder drückt sich nicht zuletzt in der Behandlung der Farbe aus. Vor allem die Leuchtfarben erzeugen ein besonderes Licht, das aus der Tiefe der Malerei heraus entsteht. Das völlig künstliche Licht – Bühnenbeleuchtung, Effektbeleuchtung – ergibt sich daraus und macht die Szenerie zur Bühne bzw. zum Filmset.