Transmission

Dimitra Charamandas (CH / GRC) Martin Chramosta (CH) Jennifer Eckert (D) Barbara Edlinger (A) Karin Fisslthaler (A) Heribert Friedl (A) Christoph Grill (A) Andreas Heller (A) David Reumüller (A) Nina Schuiki (D / A) Christoph Srb (A)

04.09.2020 - 24.10.2020

     

METAMORPHOTISCHE KUNST


Den Wegfall traditioneller Begründungen und Normativitäten, klassischer Ikonografie sowie mimetischer Verpflichtungen durch Demokratisierung, Säkularisierung und die Erfindung der Fotografie hat die Kunst bekanntlich durch den Rückzug auf das ihr Ureigene, mit Selbstreferenzialität kompensiert. Das Ende der großen Erzählungen[1] betrifft die bildende Kunst auch in einem sehr wörtlichen Sinn, es manifestiert sich zunächst ja schon im Fragwürdig-Werden bewährter Narrationen, derer sich die Kunst ehemals zwanglos bedienen konnte, um an Spannung zu gewinnen. Der „fruchtbare Augenblick“, auf den die gute Darstellung dabei zurückgreifen konnte, ist damit nicht länger einer schon erzählten Geschichte – wie prototypisch jener von Lessing besprochenen des Priesters Laokoon[2] – zu entnehmen, sondern muss sich nun eher ausschließlich aus dem Eigentlichen des jeweiligen Entstehungsprozesses ergeben. „Denn wo etwas noch nicht ist, aber soeben entsteht, befindet sich der essentielle Ort in jeder Schöpfung, dorthin muss man vordringen, und die Arbeit besteht ebenso sehr darin, dorthin zu gelangen, wie in dem, was dort getan wird. Und das eine, das zum anderen wird, die Verwandlung, ist die Methode der Kunst“, resümiert Karl Ove Knausgård.[3]

Wie die von Andreas Heller für die Galerie Schnitzler und Lindsberger kuratierte Schau Transmission anhand klug ausgewählter, sehr zeitgenössischer Beispiele zeigt, verdankt sich der gute, weil am meisten erzählende Moment dabei zwar weiterhin einem präzisen Austarieren unterschiedlicher Zustände, gelingt als Fest- und In-Schwebe-Halten labiler Gleichgewichte, wie sie an den Umschlagpunkten der Form oder zwischen Licht und Schatten liegen. Jedoch ereignet er sich inzwischen im Rahmen mitunter zufälliger Verwandlungsprozesse von Größe, Substanz oder Gestalt sowie während der Transformation semantischer Gehalte ins pure Material des textlichen Gewebes oder in die Poesie, die ein synästhetischer Gegenentwurf zur geruchslosen Glätte des „Digitalschönen“[4] mit sich bringt.


Ulrich Tragatschnig


[1] Jean François Lyotard, Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, hg. v. Peter Engelmann (= edition Passagen, Bd. 7), Graz, Wien 1986 (Original: 1979).

[2] Gotthold Ephraim Lessing, Laokoon oder: Über die Grenzen der Malerei und Poesie. Mit beiläufigen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte, Stuttgart 1987 (Original: 1766).

[3] Karl Ove Knausgård, So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche. Edvard Munch und seine Bilder, München 2019 (Original: 2017), S. 84.

[4] Byung-Chul Han, Die Errettung des Schönen, Frankfurt a. M. 52020.