Laura Nieto
Christoph Grill

Menschliche Landschaften

5. Juni - 28. August


Laura Nieto

Christoph Grill

    

Menschliche Landschaften

Menschliche Landschaften nennt Laura Nieto ihre figurativen Bilder nach zumeist nächtlichen Blicken in die erleuchteten Räume von Cafés, Bars und Restaurants. Wie aus der flüchtigen Perspektive einer Passantin erscheinen die hier versammelten Menschen schemenhaft in jeweiligen Konstellationen von Innen- und Außenraum, Mobiliar, künstlichem und natürlichem Licht und den Reflexen an verglasten Fenstern und Türen.

Detailreich und farbintensiv zeigt uns Laura Nieto Szenarien eines sichtlich entspannten urbanen Lebens, wie sie es während ihrer Aufenthalte in Barcelona, Guadalajara, Vítoria oder Berlin erfahren hat. Bilder, die sie mit der Fotokamera festhält, um sie später im Atelier auf Leinwand auszuarbeiten. Der Fokus ist dabei stets auf Gruppen von Menschen gerichtet, die in mehr oder weniger kommunikativen Situationen zueinanderstehen. Allein dieser Aspekt lässt an die alte Form der Wimmelbilder denken. Im Fall Nietos, und hinsichtlich der Anlage des Blickpunktes, wird der Eindruck vermittelt, als Betrachter sei man Teil des Geschehens, wenn nicht anonymer Beobachter eigentlich alltäglicher Vorgänge, die durch die Malerei nun wie sublimiert wirken. Man mag daran denken, sich im Bildraum zwischen Personen zu bewegen, vielleicht Teile von Gesprächen zu erfahren, sich selbst vielleicht inmitten anderer zu finden …

Insofern erklärt Laura Nieto ihren Zugang mit dem „starken Bezug zu der Umgebung“, in der sie sich bewegt. Immer mehr sei sie von dem Gefühl „überwältigt, dass wir jeden Tag mit Millionen von Ablenkungen konfrontiert sind, die uns daran hindern, unsere Umwelt wahrzunehmen; die uns daran hindern zu sehen, was das tägliche Leben zu etwas Geheimnisvollem, Besonderem und Heldenhaftem macht. Meine Szenen des täglichen Lebens sind eine Möglichkeit, den Akt des Schauens zurückzufordern, die Fähigkeit, sich überraschen zu lassen, und auf das zu achten, was wir in der Nähe haben“.

Den deutlich erzählerischen Charakter ihrer Bilder bestärkt Nieto durch Bildtitel. Viel zu erzählen (2020) beispielsweise lässt von außen durch die Frontscheibe eines Gassenlokals sehen, an der – unscharf wie nach raschem Blick – etliche Werbeschriften angebracht sind. Die zentrale Szene befindet sich demnach im Bildhintergrund, wo junge Menschen, sichtlich im Gespräch, an mehreren Tischen sitzen. Mirada (Blick) ist wohl die Aufforderung an einen Betrachter, sich einmal mehr von draußen in die „Bar Tanger“ (Aufschrift an der Darstellung einer Glastür) zu begeben – freilich imaginiert vor der malerischen Abbildung.

1978 in Kastilien geboren, zeichnet sich die helle Farbigkeit des Herkunftslandes in frühen Arbeiten Nietos ab. Während ihres Kunststudiums in Salamanca fanden Werke von Gerhard Richter, Neo Rauch oder Anselm Kiefer ihr Interesse. Von 2009 bis 2017 lebte sie in Berlin und dort skizziert sie erste Beobachtungen von Straßen- und Kaffeehausszenen, Unterhaltungen und Blicken. Berlin sei viel dunkler als die Städte, die sie in Spanien kenne, wird Nieto in einem Interview zitiert. „Die Farben sind kräftiger. Die Szenen, die ich hier beobachte, sind wie Bühnen, wie ein kleines Theater.“ Unter dem Titel Die Bühne geben tatsächlich zwei links und rechts geraffte Vorhänge den Blick auf ein Szenario im Innenraum frei.

Seit 2017 lebt sie wieder im spanisch-baskischen San Sebastián und damit wieder im Licht des Südens. Vergleicht man nun das 2019 entstandene La terraza mit früheren Arbeiten der Berliner Zeit, fällt an der Szene einer Café-Terrasse – im Vordergrund mit Durchblick in einen Innenraum im Hintergrund – der Umgang mit hellen Komplementärfarben in auf. Mit ihren Motiven und den vielleicht Genre zu nennenden Café- und Gassenszenen weckt Laura Nieto allerdings unser Bildgedächtnis – an ähnliche Situationen, die man selbst immer wieder erlebt, gleichermaßen aber auch an Filmsequenzen, wenn nicht an die inhaltlich vergleichbaren Bilder eines van Gogh während dessen Zeit in Arles. In Erwartung der „leuchtenden Farben des Südens“, sei er nach Arles gezogen, schrieb van Gogh in seinen Briefen, „weil man da die schönen Gegensätze von Rot und Grün, von Blau und Orange, von Schwefelgelb und Lila“ findet – als wäre damit die Farbigkeit von Nietos La terraza beschrieben. Das Bildgedächtnis evoziert, kommt man angesichts des einen von Laura Nieto, nämlich Los últimos (Die Letzten, 2018), wohl kaum umhin, sich an Edward Hoppers Nighthawks von 1942 zu erinnern: Jeweils führt der Blick durch die verglaste Front. Gegenüber Hoppers realistischer Manier allerdings, in der beispielsweise Glas nicht dargestellt ist, übersetzt Nieto die Unschärfen einer fotografischen Aufnahme durch die Malweise. Spiegel- und Lichtreflexe bringt sie mit vergleichsweise breitem Pinselstrich, in Öl und Farbspray, auf die Leinwand, Silhouetten der jetzt gerade noch anwesenden Barbesucher scheinen sich aufzulösen. 

Auf seinen Reisen findet der Grazer Fotograf Christoph Grill immer wieder zu Niemandsorten wie scheinbar unbewohnten Landschaften oder peripher gelegenen Arealen – Grundstücke oftmals und Gebäude, die über Jahre brachliegen und angesichts derer der Eindruck entsteht, sie gehörten niemandem. Fotoserien solcher Orte und der sie umgebenden Landstriche entstanden in den vergangenen Jahren etwa in Kirgisistan, Rumänien, Aserbaidschan oder Bosnien-Herzegowina.

In Ungarn unternahm Grill 2019 einen Erkundungsgang in den Ruinen einer ehemaligen sowjetischen Militärbasis. Auf dem Fußboden eines der Gebäude fand er inmitten von Schutt zwei wenige Zentimeter lange Teile von Filmstreifen im 35-mm-Format. Bei erster Ansicht vor Ort erwies sich das Material als zerknittert und korrodiert, weshalb sich mit freiem Auge auch nicht erschließen ließ, was auf den beiden Fragmenten abgebildet ist.

Zurück im Atelier nahm Grill eine vorsichtige Oberflächenreinigung vor, wobei rotbraun korrodierte Flächen und durch den Schutt verursachte Kratzspuren erhalten blieben. Anschließend wurden die zwei Einzelbilder mit hochauflösendem Scanner digitalisiert. Zwar immer noch schemenhaft, wurden so das Bild einer Frau und auf dem zweiten Scan die Silhouette eines Mannes mit Hut sichtbar. Auf dem Computer justierte der Fotograf Farben und Kontraste. Gegenüber dem 35 mm breiten Original sind die beiden Bilder nun im Format 180 x 150 cm ausgearbeitet und erfahren eine Art neuer Qualität abseits eines nicht mehr zu eruierenden Kontexts: Bigger than life im Vergleich zu den originalen Fundstücken und unter dem nun anderen Aspekt einer Form von Lichtmalerei nach dem Wortsinn der Fotografie. Im Kunstkontext kann Christoph Grills Verfahren des Auffindens, Aneignens und neu Bearbeitens fotografischen Materials durchaus als erweiterte Fotografie interpretiert werden. Die beiden Tableaus lassen an abstrakte, wenn nicht informelle Farbfeld-Malerei denken, sind jedoch mit aktuellen technischen Werkzeugen reproduziert und adaptiert und damit im Status des autonomen, nach Christoph Grill autorisierten Kunstwerks. Andererseits stehen diese Bilder – bezüglich ihres Fundortes und der Vermutung, die Originale seien in den 1960er- oder 1970er-Jahren entstanden – für fragmentierte Dokumente der Geschichte um die politischen Umstände der Besatzung Ungarns durch die Sowjetarmee.

 

Wenzel Mraček

März 2020

    

Biografie Laura Nieto

*1978 in Medina del Campo, Spanien

1996-2001
Kunststudium an der Universität von Salamanca

2000
Talens Stipendium, Royal Talens, Barcelona, Spanien

2004
Künstlerresidenz / Arbeitsstipendium der mexikanischen Regierung
und des mexikanischen Außenministeriums. Universität von Guadalajara, Mexiko

2007
Kunstpreis des Centro Cultural Montehermoso, Vitoria-Gasteiz, Spanien

2009-2017 Arbeitsaufenthalt in Berlin


Ausstellungen (Auswahl)

2020
Galerie Schnitzler & Lindsberger, Graz (Gruppenausstellung) Galerie Friedmann-Hahn, Berlin (Einzelausstellung)

2019
Galería Luisa Pita, Santiago
de Compostela, Spanien (Einzelausstellung)
Galería de arte Herraiz, Madrid, Spanien (Gruppenausstellung) Art Montpellier (Messe)
Art Karlsruhe (Messe)

2018
Galerie Mühlfeld+Stohrer, Frankfurt/Main (Einzelausstellung) Tabakalera International Centre for Contemporary Culture,
San Sebastián, Spanien (Einzelausstellung)

2017
Galerie am Dom, Billerbeck (Einzelausstellung)
Galerie Friedmann-Hahn, Berlin (Gruppenausstellung)
Art Karlsruhe (Messe)

2016
Galerie Mühlfeld+Stohrer, Frankfurt/Main (Einzelausstellung) Galerie Friedmann-Hahn, Berlin (Gruppenausstellung)
Kunst Zürich, Schweiz (Messe) Art Karlsruhe (Messe)

2015
Galerie Mühlfeld+Stohrer, Frankfurt/Main (Einzelausstellung) Alte Spedition, Gladbeck (Gruppenausstellung)
Kunst Zürich, Schweiz (Messe)

2014
HanseArt, Lübeck (Messe) KUBOSHOW, Herne (Messe)

2013
Eichblatt Gallery, Berlin (Gruppenausstellung) Berliner Liste (Messe) HanseArt, Lübeck (Messe)

2012
Galerie Meisterschüler, Berlin (Einzelausstellung)

2009
Palacio de Ajuria Enea, Vitoria- Gasteiz, Spanien (Einzelausstellung)  
Hotel Casa del Capitel Nazarí, Granada, Spanien (Einzelausstellung)

2008
Galería Reciclarte, Pamplona, Spanien (Einzelausstellung)

2005
Galería Rosa Santos, Valencia, Spanien (Gruppenausstellung) Museo de las Ciencias Principe Felipe, Valencia, Spanien (Gruppenausstellung)

2004
Galería Ajolote, Guadalajara, Méxiko (Gruppenausstellung)

2003
Ateneu Fort Pienc, Barcelona, Spanien (Einzelausstellung) Young Arts Room of Generalitat of Catalunia, Barcelona, Spanien (Einzelausstellung)  

    

Biografie Christoph Grill

*1965 in Österreich.

Lebt und arbeitet als Fotograf und Archäozoologe in Graz.


Ausstellungen (Auswahl)

2019: I Do Not Feel Free to Do What I Want, Municipal Gallery Kharkiv; Real Magic, Forum Stadtpark, Graz.

2018: Routinised Absurdity, KINDL - Centre for Contemporary Art, Berlin; Show, Galerie Schnitzler & Lindsberger, Graz.

2017: SilvrettAtelier Montafon, Künstlerhaus Palais Thurn & Taxis, Bregenz; Natur und Abbild, Galerie Schnitzler & Lindsberger, Graz.

2016: Initiative Kunstverleih: Licht, Luft, Sonne: Kunst !, Forum Stadtpark, Graz.

2014: The Poetry of the Asynchronous in the Middle of Somewhere, Österr. Kulturforum Prag (Solo).

2013: L’Estuaire de L’Impressionisme, Point de Vue, Deauville (Solo); Tension Field, Galerie Photon, Wien.

2012: Elsewhere, < rotor >, Graz.

2011: Short Stalks at Distant Shores, Leica Galerie Salzburg (Solo); Extrem, Kunstraum Niederösterreich, Wien.

2010: Above and Beyond, Forum Stadtpark, Graz. 

2008: WOSTOK, Month of Photography, Ausstellungsraum Gerhart Scholz, Wien.

2007: You Are Here, Camera Austria, Graz.


Veröffentlichungen (Auswahl)

2015: gefühlte provinz – fotografie im forum stadtpark, Verlag Forum Stadtpark, Graz; Parnass 1/2015, 66.

2012: Short Stalks at Distant Shores – Imaging Post-Soviet Space, Hatje Cantz Publ.

2010: Above and Beyond, Camera Austria 111: 87 f.


Sammlungen

Neue Galerie, Graz; La Collection photographique de la Ville de Deauville; Kunstsammlung des Landes Vorarlberg, Bregenz.


Stipendien (Auswahl)

2020: Auslandsstipendium des Landes Steiermark, Jerusalem.

2016: Staatsstipendium für Fotografie.

2011: Auslandsstipendium für künstlerische Fotografie des Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, Cité des Arts, Paris.

2010: Auslandsstipendium des Landes Steiermark, Wladiwostok.