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Christoph Srb

Ist deine Kunst eher Auseinandersetzung mit oder Abgrenzung von der Welt?
Als „Welt“ begreife ich alles, was außerhalb von mir existiert, darunter auch Phänomene, die sich als Flächen für Auseinandersetzung anbieten. Das fließt natürlich auch in meine Kunst mit ein.

Du thematisierst Videoüberwachung als Mittel zur sozialen Kontrolle. Wo hört für dich der öffentliche Raum auf, wo beginnt der private? Wann ist eine Grenze überschritten?
Öffentlicher und privater Raum sollten gesetzlich klar voneinander abgegrenzt werden. Allerdings werden diese in Wahrheit fließenden Grenzen ständig überschritten, auch ohne unser Wissen. Natürlich kann ich mein Mobiltelefon abschalten und damit so etwas wie Privatsphäre schaffen, aber trotzdem kann ich nie sicher sein, ob nicht gerade ein Hacker versucht, in meinem Rechner persönliche Informationen zu finden. Das betrifft uns alle! Ich glaube, man kann sich immer mehr vom Gedanken der Privatheit verabschieden. 

Ausgangspunkt für deine Arbeit ist nach eigenen Angaben oft das digital generierte Bild. Wie beschaffst du dieses, und ist das von Bedeutung?
Für die Serie Denotat habe ich etwa mit einer billigen Digitalkamera Schnappschüsse vom laufenden Bildschirm aufgenommen, auf dem ein Film zu sehen war. Das ist insofern von Bedeutung, weil diese Bilder Referenzen für meine Arbeit sind und ich mich immer mit der Frage der Bildwerdung auseinandergesetzt habe. Das führt auch zu weiteren Fragen, wie zum Beispiel: „Sind Bilder in meinem Kopf, also Gedanken, auch Bilder?“

Das Internet könnte man als Datenbank eines kollektiven Gedächtnisses sehen. Wie filterst du diese Flut an (visueller) Information?
Auch wenn das Internet eine Flut an Informationen darstellt, weiß ich ja, wonach ich im Netz suche. Das setzt allerdings einen bewussten und fokussierten Umgang mit Information voraus. Natürlich kann man sich trotzdem im Internet verlieren, und selbst die Suche nach einem Text kann damit enden, dass man Musikvideos auf YouTube anschaut. 

Was passiert bei der Übersetzung vom digital generierten Bildmaterial zur Malerei?
Digitales Bildmaterial ist an sich unstofflich, erst mithilfe technischer Geräte verwandelt sich diese Information in ein Bild. Doch diese Bilder sind flüchtig und existieren nicht an sich, sondern sind nur das Resultat eines Umrechnungsprozesses. Indem ich virtuelle Bilder in Malerei übersetze, stoße ich einen Stoffwerdungsprozess an, wie zum Beispiel in den Serien Bild geben und Bodyscan, aber auch bei den Gemälden der Reihe Denotat, wo sich darüber hinaus erst im künstlerischen Prozess aus inhaltlich unklaren Vorlagen etwas Konkretes entwickelt.

Du arbeitest neben der Malerei mit verschiedenen Medien, wie mit Video oder Objekt. Beeinflusst oder erweitert diese Vielseitigkeit deine malerische Herangehensweise?
Ja, und zwar sowohl als auch. Ich versuche immer wieder, andere Medien in meine Arbeiten einfließen zu lassen, und einige meiner Gemälde wären ohne die Erweiterungsmöglichkeiten der technischen Medien gar nicht entstanden. Die Serie Orange ist ein gutes Beispiel dafür: Um die verschiedenen medialen und auch inhaltlichen Ebenen zu kombinieren, waren Video und Schnittprogramm im Arbeitsprozess essenziell. 

Hast du die historische Bedeutung und Tradition des Mediums Malerei in der zeitgenössischen Kontext je als Bürde empfunden?
Nein, denn auch in der akademischen Ausbildung hat sich der Fokus der Malerei sowie der bildenden Kunst insgesamt stark verändert. Sich eine Maltechnik wie jene von Caravaggio anzueignen, wäre mit viel Disziplin und Drill verbunden. Diese Art des Studiums wurde abgelöst vom freien Zugang zu Bildung und Diskurs. Ich sehe das positiv, denn es öffnet neue Möglichkeiten. In früheren Jahrhunderten war technische Perfektion das wichtigste künstlerische Kapital, aber der Fokus wurde damit auch sehr eng. Heute kann sich ein Künstler auf nahezu alles beziehen, mit welchem Medium auch immer. 

Was schreibst du deiner Malerei eher zu: Stillstand oder Bewegung?
Bewegung. Zum einen erfordert allein die Beschäftigung mit neuen Medien eine gewisse Dynamik im Denken und auch technische Flexibilität. Zum anderen stehen meine Arbeiten ja auch für eine Malerei, die eben nicht in ihrer historischen Tradition erstarrt ist, sondern angesichts einer sich rasch verändernden Welt auch thematisch beweglich bleibt.

Wozu zwingt dich die Unschärfe, die Unklarheit?
Sie übt keinen Zwang auf mich aus, inspiriert mich aber zum Malen. Die Unschärfe in meinen Bildern ist eine Metapher dafür, dass vieles nicht in klare Kategorien einzuordnen ist, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie zu sein scheinen. Dieses flimmernde Spektrum an Möglichkeiten zuzulassen bzw. sogar anzustoßen, ist ein spannender Prozess. 

Was kann ein gutes Bild?
Diese Frage wurde mir schon vor vielen Jahren gestellt, und ich weiß noch, was ich geantwortet habe: Man muss es aufessen wollen wie Eiscreme oder Gulasch. Ein gutes Bild fasziniert den Betrachter so sehr, dass er sich fühlt wie ein kleines Kind im Zuckerlgeschäft. Wichtig erscheint mir auch der Umgang mit Farbe: Ein gutes Bild überrascht mich immer wieder neu und ist so komplex, dass man immer wieder etwas Neues darin entdeckt. Es enthält gewissermaßen ein Mysterium, das sich nie ganz auflöst, auch wenn wir ständig wissen wollen, was dahintersteckt.

CHRISTOPH SRB

Geboren 1971 in Amstetten, AT. Studium (Malerei) an der Universität für angewandte Kunst, Wien, bei Prof. Johanna Kandl, 2011 Diplom mit Auszeichnung. Seit 2007 Einzel- und Gruppenausstellungen, u. a. in Wien, Nürnberg, Budapest, Berlin, Prag. Leistungsstipendium der Universität für angewandte Kunst, Wien (2007), Emanuel und Sofie Fohn-Stipendium (2008), Förderstipendium der Anni und Heinrich Sussman Stiftung (2009), Theodor Körner Preis (2009); Gründung des Kunstraums LLLLLL (2015), LOOK AT ME! I AM MADE FOR YOU! / Projektraum LS43 / Berlin (2016), (IM)PERSONAL Videoshow Manhattan Bridge, cur. by B. Kostadinov, New York (2017).

Bilder herzustellen ist heute so einfach wie noch nie zuvor: Mithilfe moderner Foto- und Videotechnik können Weltausschnitte in Sekundenschnelle festgehalten und digitalisiert werden. Christoph Srb setzt einen Schritt der Entschleunigung und übersetzt unstoffliche, technisch generierte Bilder in das traditionsreiche Medium der Malerei – ein spannendes Wechselspiel zwischen konkreter und abstrakter Darstellung.

Der Maler Christoph Srb verhandelt mit seiner Kunst unterschiedliche Ebenen des Sichtbarmachens und bezieht dabei auch Strukturen mit ein, die für das menschliche Auge zunächst unsichtbar sind. 

In seinen Reihen Bild geben und Bodyscan übersetzt er technisch generierte Abbildungen, z. B. Röntgenaufnahmen menschlicher Körper, in realistisch ausgeführte Gemälde. 

Mediale und inhaltliche Ebenen überlagern sich in der Gemäldeserie Orange: Srb kombiniert Szenen aus einem Video, das er am Rande des Flughafens Wien-Schwechat inszeniert hat, mit Szenen aus einem Western. Die am Videoschnittplatz entstandene Dateninformation diente ihm als Vorlage für den Malprozess. Für die Serie Denotat fotografierte der Künstler Fernseh- oder Filmbilder digital ab und verwendete diese diffusen Schwarz-Weiß-Vorlagen mit unklarem Inhalt, um das Unbekannte künstlerisch auszuformulieren. 

Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz (1929) sowie dessen Verfilmung durch Rainer Werner Fassbinder (1980) inspirierten Srb zum gleichnamigen Gemäldezyklus. Auch hier dienen fotografierte Filmszenen als Grundlage für Gemälde, die vor allem auf die Darstellungen der Charaktere abzielen, aber auch auf gesellschaftliche Entwicklungen der Weimarer Republik verweisen, die in vielerlei Hinsicht an die Gegenwart erinnern. 

Eine weitere Serie beschäftigt sich mit der Ästhetik von Überwachungskameras, deren Gehäuse sichtbar ist, während ihr technisches Innenleben verborgen bleibt – und dennoch das Verhalten von Passanten beeinflusst. 

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